Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 1. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Es war einmal ein winziges Dörflein am Rande der großen Wälder. Mitten in der baumbedeckten Natur reckte sich ein Berg bis hoch über die Wolken hinauf. Noch nie hatte ein Mensch diesen Berg erklommen. Überhaupt ließen sich in dieser Gegend selten fremde Leute blicken. Die nächsten bewohnten Länder lagen alle in weiter, weiter Ferne - viele Tagesreisen von hier. In diesem Teil der Welt gab es ein großes Rätsel, das bisher noch niemand lösen konnte: Jedes Jahr mitten im Sommer erschall an einem Tag zur Mittagszeit ein lautes Glockengeläut, obwohl nirgends weit und breit ein Glockenturm zu finden war.

In dem Dorf wohnten nie mehr als dreißig bis vierzig Männer, Frauen und Kinder. Zur Zeit, als diese Geschichte sich ereignete, waren es genaugenommen zweiunddreißig an der Zahl. Unter ihnen lebte ein ganz riesenhafter Kerl, der alle anderen um mindestens zwei Köpfe überragte, und ein recht winzig geratener Mann, zu dem bereits die älteren Kinder hinabschauen konnten.

Der riesige Mann war nicht besonders klug, dafür aber sehr stark, und er war stolz darauf, daß niemand auch nur annähernd seine Länge erreichte. Der winzige Mann dagegen gehörte nicht zu den Dümmsten, jedoch hatte er keine Kraft. In seiner Hütte stand der Tisch ganz dicht bei seiner Feuerstelle, weil ihm schon sein kleiner, gefüllter Suppentiegel viel zu schwer erschien, als daß er ihn durch den ganze Raum hätte tragen wollen.

Die beiden Männer, der Riesige und der Winzige, konnten sich nicht sonderlich gut leiden. Sie hatten oft Streit miteinander. Da der Kleine besser schimpfen konnte, endete ein Streit oft damit, daß der Große dafür dem Kleinen einen Schubs verpaßte, so daß dieser regelmäßig im Staub der einzigen Straße im Dorf lag, und sich furchtbar ärgerte, während der Riese lachend von dannen zog. Manchmal hob der Große den Winzigen auch einfach mit einer Hand in die Höhe und setzte ihn auf den nächsten Baum. Dann konnte der kleine Mann nur noch jammern und schreien, bis sich ein anderer Dorfbewohner erbarmte und ihm eine Leiter brachte, damit der Kleine herunterklettern konnte. In diesen Momenten lachten alle Einwohner des Dörfchens über den Geschmähten. Alle verspotteten ihn, denn bei dem Streit stellten sie sich auf die Seite des Riesen. Niemand wollte es mit ihm verderben, weil er so kräftig war.

An einem solchen Tag, als der Kleine wieder einmal am Boden der Straße lag, und alle um ihn herum ihn verspotteten, ärgerte er sich ganz besonders. Denn heute war sein Geburtstag. Deshalb trug er seit dem Morgen sein bestes weißes Hemd - mit feinen Rüschen besetzt. In der Nacht hatte es geregnet. Die Straße war übersäht mit Pfützen und Schlamm. Und nach dem heutigen Streit saß er nun inmitten der größten Pfütze weit und breit, und sein schönes Hemd war von oben bis unten mit Dreck beschmiert.

"Seht nur," rief einer der Umstehenden, "er sühlt sich im Schlamm wie ein Schwein! Ha Ha Ha ..." pruschtete er weiter heraus.

"Doch nicht wie ein ausgewachsenes Schwein!" fügte eine Frau hinzu. "Der ist doch noch viel kleiner als ein Ferkel. Schaut doch nur!" Und die Dorfbewohner hielten sich die Bäuche vor Lachen.

"Niemand mag mich," dachte er bei sich. "Anstatt mir ein Geburtstagslied zu singen, lachen sie mich alle aus."

Mühsam stand er auf und lief zu seinem Haus. Als er dabei in eine Kuhle trat und stolperte, schwoll das Lachen nur noch stärker an.

"Nicht 'mal auf zwei Beinen kann er laufen. Ho ho ho," hörte er hinter sich eine Stimme.

Endlich in seinem Haus angekommen, drückte der Mann die Tür mit letzter Kraft ins Schloß und fing an, bitterlich zu weinen. Er setzte sich auf den Stuhl am Tisch, begrub das Gesicht in den Händen und weinte und weinte. Als er eine ganze Weile geweint hatte, so daß das Wasser der Tränen bereits von der Platte des Tisches auf das Holz des Bodens tropfte, schlief der kleine Mann über seinem Kummer ein.

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