Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 3. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Selbst der große Mann, der gerade auf dem Bauch in seinem riesigen Bett lag, fuhr erschrocken zusammen.

"Was war das?"

Niemals zuvor hatte er einen so schrecklichen Schrei gehört. Er steckte schnell die klobigen Füße in seine Latschen und rannte vor die Tür. Auch die anderen Dorfbewohner waren in Windeseile aus ihren Häusern gestürmt. Nun blickten sie sich verwirrt um. Niemand wußte, wer da so fürchterlich geschrien hatte, und keiner hatte auch nur die leiseste Idee, woher der Schrei gekommen war.

"Was ist los?" fragte ein Mann mit weißer Schlafmütze auf dem Kopf.

"Noch nie habe ich so etwas Schlimmes gehört. Schrecklich!" brachte ein Anderer hervor.

"Ich habe Angst," flüsterte ein kleiner Junge und hielt sich an der Schürze seiner Mutter fest.

Da erklang ein lautes Plumpsen aus dem Dorfbrunnen und anschließend ein erbärmliches Gejammer. Der kleine Mann war unten im Wasser angekommen und paddelte um sein Leben.

"Zum Brunnen!" rief die Frau mit dem kleinen Jungen.

Der große Mann war der erste, dessen Gesicht der kleine Mann weit über sich im hellen Kreis der Brunnenöffnung sah.

"Hilfe, großer Mann, hilf mir heraus," rief der Kleine nach oben, wobei er weiter eifrig mit Armen und Beinen strampelte, um sich über Wasser zu halten. Während der Große bereits versuchte, mit einem seiner langen Arme nach dem Kleinen zu angeln, sammelten sich auch die anderen Leute um den Brunnen.

"Das hat keinen Zweck!" rief eine hochgewachsene Frau. "Da müßten Deine Arme schon hundertmal länger sein. Wir brauchen ein Seil!" Doch im ganzen Dorf war kein einziges aufzutreiben. Vor vielen, vielen Jahren hatten die Dorfbewohner alle ihre kurzen Seile bei einem Fremden gegen ein ganz langes Seil eingetauscht , das gerade mit dem winzigen Mann in die Tiefe des Brunnens gesaust war.

"Die Leiter, die Leiter," schrie der kleine Mann mit krächzender Stimme.

"Die ist doch viel zu kurz," antwortete der Große.

"Bitte, wirf mir die Leiter herunter, sonst ertrinke ich."

Die Dorfbewohner hatten verstanden, worum es ging; der kleine Mann konnte nicht besonders gut schwimmen. Schon im nächsten Moment reichten sie dem Großen die Leiter, die sie sonst dazu benutzten, um den Kleinen vom Baum zu holen, wenn er wieder einmal nach einem Streit dort oben saß. Doch an einen solche Auseinandersetzung dachte auch der große Mann jetzt nicht.

"Zieh deinen Kopf ein," erklang die Stimme des Kräftigen, bevor er die Leiter aus seiner Hand in die Tiefe gleiten ließ. Der Kleine versuchte, sich ganz nah an der kalten, glitschigen Steinwand zu halten, während die Leiter dicht vor ihm in das kühle Wasser des Brunnens eintauchte. Das Wasser spritzte dem Kleinen in die Augen, so daß er sie ganz fest zukneifen mußte. Als er sie wieder öffnete, hatte das untere Ende der Leiter bereits den Grund erreicht und gerade zwei Sprossen ragten noch aus dem Wasser heraus. Die Leiter lehnte an der gegenüberliegenden Seite des Brunnens. Eilig ruderte der Kleine mit allerletzter Kraftanstrengung hinüber. Er erklomm die Stufen und setzte sich auf die oberste, während er seine Füße auf die zweite stellte, so daß er nicht mehr im Wasser paddeln mußte. Vor dem Ertrinken war er nun gerettet, doch wie sollte er wieder aus dem Brunnen herauskommem?

Verzweifelt und pitschnaß saß er nun fröstelnd auf der Leiter, und winzige Tränen tropften aus seinen Augen in das Naß des Brunnens und er jammerte: "Ohje, Ohje, Ohje ..."

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Der kleine und der große Mann
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