Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 4. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Die Dorfbewohner waren ratlos. Sie überlegten, wie sie dem kleinen Mann helfen konnten. Denn sie hatten Mitleid mit ihm, und sie machten sich jetzt große Vorwürfe, weil sie immer so garstig zu ihm gewesen waren. Besonders traurig war der große Mann. Denn in seiner rauhen Schale steckte ein weiches Herz. Und wenn er es recht bedachte, mochte er den kleinen Mann sehr gut leiden, nur hatte er es dem Winzigen nie richtig zeigen können. Er wußte nicht, wie man so etwas machte. Raufen und balgen hatte er sehr früh gelernt, weil er schon als Kind so groß und stark war - aber wie man jemandem zu verstehen gibt, daß man ihn mag, davon hatte er keine Ahnung.

"Was können wir bloß tun?" fragte der Große.

Die Frau, die sich schon vorher zu Wort gemeldet hatte, sprach: "Im Wald, da wohnt ein altes Weib. Man sagt, sie hat Wunderkräfte. Zu ihr sollten wir gehen und sie um Rat fragen. Großer Mann, du hast die längsten Beine, du kannst am Schnellsten laufen. Wir anderen bleiben hier, falls der kleine Mann uns braucht. Er wird frieren, und wir müssen ihn mit Essen versorgen. Lauf und spute dich."

Die anderen Dorfbewohner nickten und schauten den Großen erwartungsvoll an, der mit weit aufgerissenen Augen dastand.

Der Riesige lief die Straße hinauf in die Richtung, die zu den Wäldern führte. Er rannte, so schnell er konnte, denn er wollte dem Kleinen helfen. Er wollte sein Freund werden. Das nahm er sich fest vor - falls der Kleine gerettet werden konnte.

Eigentlich war es dem großen Mann im Wald immer ein wenig unheimlich. Dort war es dunkel und viele fremde Geräusche waren zu hören, von denen der Große nicht wußte, wer sie machte - und warum. Diesmal kümmerte er sich aber nicht sonderlich darum. Er lief schnurstracks in den Wald hinein. Erst standen die Bäume in gehörigem Abstand voneinander, aber mit jedem Schritt wurde der Wald dichter. Nur einmal fuhr der große Mann erschrocken zusammen und rief: "Wer da?"

Doch das laute Knacken, das er vernahm, kam von einem armdicken Ast, der am Boden lag und der unter dem Gewicht des Riesen zerbrach. In einiger Entfernung erkannte der Mann, daß die Bäume nicht mehr ganz so dicht beieinander standen. Und nach wenigen, langen Schritten erreichte er eine Lichtung im Wald, in dessen Mitte ein Holzhaus mit strohbedecktem Dach stand.

Der Mann hatte das Haus noch garnicht erreicht, da öffnete sich bereits die Tür mit lautem Quitschen. Eine alte, kleine Frau mit gebeugtem Rücken trat, auf ihren Stock gestützt, durch die Öffnung heraus ins Freie. Sie mußte den Mann schon gehört haben. Irgendwie war sich der große Mann nicht ganz sicher, ob er eine Hexe oder eine einfache Frau vor sich hatte, die nur wegen ihres hohen Alters viele Dinge besser wußte, als andere Menschen. Die Frau flößte ihm Respekt ein, so daß er sich plötzlich nicht mehr so groß und stark fühlte.

"Guten Tag, liebe Frau, " sagte der Riesige artig.

"Du brauchst meine Hilfe," entgegnete ihm die Frau, ohne seinen Gruß zu erwidern. "Ich habe den furchtbaren Schrei eines Mannes gehört," fuhr sie fort. "Berichte!"

Nachdem der große Mann wie ein kleiner Schuljunge, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, die ganze Geschichte mit viel Gestammel erzählt hatte, warf ihm die Alte nur ein kurzes "Warte!" entgegen, drehte sich um und verschwand im Haus, während sich die Tür langsam wieder schloß. Zu gerne hätte der Mann nun gewußt, was die Alte dort in ihrer Hütte tat. Sein Herz klopfte wie wild, so daß er es bis zum Hals hinauf schlagen hörte. Die Minuten verrannen für ihn wie eine halbe Ewigkeit. Endlich öffnete sich die Tür aufs Neue. Ein kleines weißes Kätzchen huschte durch den ersten Spalt ins Freie, dann erschien die Alte. Mit großen Augen und geöffnetem Mund wartete der Große auf ihre Worte.

"Im finstersten Teil des Waldes gibt es eine kleine Wiese. Dort wachsen Pflanzen, die es in keinem anderen Land der Welt gibt. Diese Pflanzen mußt Du brechen und sie dem kleinen Mann bringen. Von jedem Blättchen, daß er ißt, wird er ein kleines Stückchen an Länge gewinnen. Sammle so viele Pflanzen, wie Du finden kannst, dann wird der Kleine so groß werden, daß er aus dem Brunnen klettern kann," erklärte die Frau und fügte hinzu: "Aber Du mußt Dich beeilen, denn wenn die Blüte einer Pflanze sich öffnet, dann sind deren Blätter sofort giftig, und der kleine Mann muß sterben. Nimm also nur die Pflänzchen mit geschlossenen Blüten, dann wird alles gut. Spute Dich, es ist Blütezeit und spätestens morgen Mittag werden alle Knospen aufgegangen sein. Die ersten haben schon mit ihrer Blüte begonnen."

Der große Mann blickte der Alten immer noch staunend in ihr runzeliges Gesicht, während ihm die Frau einen geflochtenen Körb in die Hand drückte.

"Worauf wartest Du," fragte sie. "Lauf! Das Kätzchen wird Dir den Weg zeigen."

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