Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 5. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Anfangs konnte der große Mann gut Schritt halten mit dem kleinen, flinken Kätzchen. Der Wald war hier noch nicht ganz so dicht, genauso wie auf dem letzten Stück des Weges, bevor er das Haus auf der Lichtung erreicht hatte. Ab und zu hörte der Mann den Ruf eines Vogels, doch je weiter er lief, je weniger Leben konnte er um sich herum ausmachen. Irgendwann war es totenstill, nur die eigenen Schritte waren zu hören. Die Bäume standen nun wieder näher beieinander, und die Zweige hingen immer tiefer, so daß der Große bald nur noch geduckt laufen konnte. Ein ums andere Mal stand ein Baum direkt vor ihm. Er kam nur noch langsam voran und hatte Mühe, dem weißen Kätzchen zu folgen. Das niedliche Tier mußte ab und an stehenbleiben. Dann drehte es den Kopf zurück, um zu schauen, ob der große Mann noch auf dem rechten Weg war. Den Korb, den ihm die Alte mitgegeben hatte, hielt der Mann für hinderlich, da er damit öfters an Zweigen hängen blieb.

Endlich kündigte die kleine Katze mit einem leisen Mietzen an, daß die Beiden am Ziel waren.

"Was ist los?" fragte der Große.

Erst verstand der Mann das Zeichen nicht, aber nach drei weiteren Schritten war die Finsternis des Waldes wie weggeblasen. Das helle Tageslicht blendete ihn, und als er sich daran gewöhnt hatte, stand er mit beiden Füßen am Rande einer kreisrunden Wiese. Wieder miaute das Kätzchen, doch diesmal viel ernster, um den Mann an seine Aufgabe zu erinnern.

Es war höchste Zeit, denn schon die Hälfte der Wiesenpflanzen blühte in den herrlichsten Farben, und 'mal hier und 'mal da öffnete sich eine Blüte mit einem süßen, zarten Klang, so als wenn man mit dem Finger an ein Glas schnippt.

"Oh, es blühen ja schon so viele", stellte der Mann fest. "Ich muß mich sputen!"

Er warf sich auf die Knie und zupfte die kleinen Pflänzlein mit seinen groben Fingern. Die Aufgeblühten ließ er stehen. Hastig warf er seine Ernte in den Korb, denn er wollte sich beeilen. Wer wußte schon, wie viele Blätter von Nöten waren, um dem kleinen Mann zu helfen und ihn von seinem Schicksal zu befreien.

Ab und an Mal öffnet sich eine Knospe zur Blüte gerade in dem Augenblick, als die Finger des Mannes die Pflanzen eben berührten. Zuerst wollte er diese dann auch in den Korb werfen, doch dann entsann er sich der Worte, die die alte Frau gesprochen hatte, und er ließ diese Pflänzlein stehen, weil sie nun giftig waren.

"Teufelskraut." raunte er, doch er wußte genau, daß er froh sein mußte, denn diese Pflänzlein waren die einzige Hilfe, die es für den kleinen Mann gab.

Trotz aller Vorsicht gelangte aber doch ein Pflänzchen mit gerade aufgesprungener Blüte, das nun giftig war, in den Korb. Weil dieses ganz unten lag, war es bald von anderen Blättern überdeckt, so daß der Mann es auch später nicht mehr entdecken konnte.

Da die Wiese nicht sonderlich groß war, dauerte es nicht lange, dann konnte der große Mann keine Pflanze ohne Blüte mehr entdecken. Der Korb war noch nicht ganz gefüllt, und der Mann wußte nicht, ob seine Ernte reichen würde. Auch das Kätzchen half bei der Suche, doch in der bunten Pracht der Wiese war das kleine Tier kaum zu sehen. Als der Mann seine Suche schon aufgeben wollte, führte das Kätzchen ihn durch sein Mauzen noch zu einer Stelle, die er übersehen hatte. Schnell zog der große Mann die Stengel aus dem Boden. Nun war der Korb gut gefüllt, und kein einziges Pflänzlein auf der Wiese stand mehr ohne Blüte da. So als wollten alle Blumen dies bestätigen, verabschiedeten sie sich mit einem lieblichen Klingeln von dem Mann und seiner kleinen, weißen Begleiterin.

"Komm! Unsere Arbeit hier ist getan," sprach der Große zum Kätzchen, und die Beiden machten sich auf den Weg.

So wie seine Augen sich erst an das helle Licht beim Betreten der Wiese gewöhnen mußten, so hatte der Mann jetzt Schwierigkeiten, wieder mit der Finsternis des Waldes klar zu kommen. Schon nach wenigen Schritten stieß er mit dem Kopf gegen einen dicken, tiefhängenden Ast, so daß er eine blutige Schramme an der Stirn davontrug. Doch diese Verletzung beachtete der Große kaum, denn schließlich ging es darum, ein Menschenleben zu retten. Wenn der kleine Mann da unten in dem tiefen Brunnen überhaupt noch am Leben war, und ihn nicht bereits die Kälte, die Angst oder Schwäche hatten umkommen lassen. Also rannte der große Mann und rannte. Erst durch den finstersten Teil des Waldes, dann durch helle Teile und über die Lichtung, auf der die Alte ihr Kätzchen wieder ins Haus ließ und dem Mann herzlich nachwinkte.

"Vielen Dank, liebe Frau," rief der Große noch, als er die ersten Bäume am Rande der Lichtung erreichte.

"Viel Glück!" erwiderte die Alte.

Nachdem er auch das letzte Stück des Waldes durchquert hatte, gelangte er schließlich auf die Straße, die ihn wieder in sein Dorf führte.

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