Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 6. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

"Da kommt er!" krächzte ein alter Mann.

"Hurra, hurra!" freuten sich die Kinder.

Die Dorfbewohner erwarteten den großen Mann schon ungeduldig. Weil die Sonne bereits untergegangen war, hatten sie Laternen auf den Brunnenrand gestellt, wodurch der kleine Mann wenigstens einen kleinen Schimmer Licht in der dunklen Tiefe des Brunnens wahrnehmen konnte.

Dort unten saß der Kleine noch immer zusammengekauert auf der obersten Sprosse der Leiter und klapperte vor Angst und Kälte mit den Zähnen. Zweimal hatten die Dorfbewohner versucht, eine Decke hinab zu werfen, damit der Kleine sich wärmen könnte. Doch jedesmal landete diese mitten im kalten Wasser. Und eine kalte, nasse Decke kann einem frierenden Mann nun einmal keine Wärme spenden.

Angst hatte der Winzige nicht nur, weil er sich unklar darüber war, wie er seinem Schicksal entrinnen sollte. Als noch die letzten Strahlen des Tageslichts ein wenig Helligkeit bis hier unten hinunter brachten, so daß der kleine Mann wenigstens die Umrisse seiner ledernen Schuhe erkennen konnte, war es ihm, als hätte er ein leises Blubbern gehört. Dann plätscherte es auch einmal rechts, ein anderes Mal links von ihm. Er verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen, um unter sich im Wasser etwas zu erkennen. Da hatte er den Eindruck, als ob er einen Schatten dicht unter der Oberfläche sah, der im nächsten Augenblick wieder verschwand, um an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen.

"Ein Ungeheuer," dachte er bei sich, und hielt schnell seine kleinen Füßchen in die Luft, damit das Ungetüm ihn nicht in die Tiefe ziehen konnte. Doch der kleine Mann war inzwischen so schwach, daß er erschöpft die Füße wieder auf die Sprosse der Leiter sinken ließ.

"Ach, ob ich hier unten erfriere, oder ob mich das Ungeheuer frißt, das macht auch keinen Unterschied." Er schloß die Augen und wartete auf sein Ende. Bald wußte er nicht mehr, wielange er so schlotternd dagesessen hatte. Womöglich war er sogar ein wenig eingeschlafen, als er von Rufen wieder aufgeschreckt wurde.

"He! Kleiner Mann! Bist Du noch am Leben?" hörte er die tiefe Stimme des großen Mannes über sich. Der Kleine wollte antworten, doch die Stimme versagte ihm. Kein Wort verließ seinen Mund.

"Wenn ich es jetzt nicht schaffe, werden die Leute weggehen und nie wieder an mich denken," fürchtete der Winzige und sammelte all seine Kräfte zusammen. Er formte die Hände vor seinem Mund zu einem kleinen Trichter und schrie: "Bitte!" Wie er gerade auf dieses Wort kam, wo ein einfaches 'Hier' oder 'Ja' auch gereicht hätte, wußte er nicht. Aber Hauptsache, er hatte überhaupt ein Wort auf den Weg nach oben geschickt. Dieses Wort wurde auf der langen Strecke aus dem Brunnen heraus diesmal immer schwächer und schwächer, so daß es oben nur noch als ganz leises Flüstern im Ohr des großen Mannes landete, der sich weit in den Brunnen gelehnt hatte.

"Er lebt!" rief er den anderen Dorfbewohnern freudig zu. Der Riese hatte sich schon Sorgen gemacht, weil die Antwort so lange auf sich warten ließ.

"Ich bringe Hilfe!" schrie der Große hinab. "Drücke dich ganz dicht an die Wand des Brunnens. Ich werfe jetzt einen Korb hinab. Darin findest Du Blätter, die Du alle aufessen mußt. Wundere Dich nicht darüber, was dann passiert!"

"Sag ihm, daß der Korb nicht untergehen wird, da er federleicht ist und auf dem Wasser schwimmen kann," sprach eine Frau zu dem Großen. "Er soll nur aufpassen, daß das Ding sich nicht im Wasser dreht, damit kein Blatt vergeudet wird."

Der große Mann tat, wie ihm gesagt wurde, hielt den Korb am ausgestreckten Arm direkt über die Mitte des runden Brunnenlochs und entließ den Behälter in die Tiefe.

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