Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 8. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Während der kleine Fisch sein Heim mit der gewonnenen Blume schmückte, stopfte sich der kleine Mann, der inzwischen wieder ganz oben auf seiner Leiter saß, den Mund mit grünen Blättern voll. Anfangs kaute er mit dicken Backen und viel Eifer, obwohl er eigentlich garnicht wußte, wie diese ungewöhnliche Mahlzeit ihm helfen sollte. Da die Blätter einen leichten Geschmack von Marzipan hatten, fiel es dem Kleinen auch nicht schwer, ein Blatt nach dem anderen in den Mund zu schieben, doch irgendwann war dann doch sein Bauch so dick, daß der Winzige Mühe hatte, noch weitere Blätter zu verschlingen.

"Ich schaff' das nicht!" rief er nach oben. "Und was soll das Ganze für einen Sinn haben?"

"Du   m u ß t   weiteressen!" erwiderte der Große von oben. "Merkst Du schon etwas?"

"Mein Bauch wird immer dicker." gab er zurück und dachte bei sich: 'Was soll das nützen? Wenn ich den ganzen Korb leeresse, dann bin ich schließlich so dick, daß ich schon deshalb im Brunnen steckenbleibe.' Er öffnete seinen Hosengürtel, so weit es ging, und trotz seiner Bedenken schob er sich fortwährend neue Blätter zwischen die Zähne. Es kostete ihn bereits Überwindung, den zerkauten Blätterbrei hinunter zu schlucken. Dabei richtete er seinen Blick auf die Sprosse der Leiter, auf der seine Füße standen. Erst fiel dem Kleinen garnichts auf, doch plötzlich merkte er, daß sich etwas bewegte. Die Leiter schien zu schrumpfen. Paßten erst alle beide Schuhe nebeneinander auf eine Sprosse der Leiter, so mußte der Mann nun aufpassen, daß er sich dort die Füße nicht einklemmte. Gerade noch rechtzeitig streckte er sein eines Bein aus, bevor es stecken blieb.

Als der Mann sich umblickte, konnte er feststellen, daß sich alles um ihn herum in der Größe änderte. Nein, er selbst verwandelte sich. Er begann zu wachsen. Das sollte also seine Rettung sein. Wie wild stopfte er sich weiter Blätter in den Mund und kaute und schluckte ... und stopfte und kaute und schluckte.

"Ich wachse! Ich wachse!" versuchte er mit vollen Backen nach oben zu rufen. Doch faßt wären ihm dabei einige Blattstückchen aus dem Mund gefallen.

Die Brunnenöffnung schien immer näher zu kommen, doch eigentlich wuchs er der Öffnung entgegen. Wer größer und auch dicker wird, der wird natürlich auch schwerer. Und so fing unter dem Gewicht des nun nicht mehr so winzigen Mannes die Leiter laut zu ächzen an. Inzwischen brauchte er sich keine Sorgen mehr ums Ertrinken zu machen. Er stieg einfach ins Wasser. Dabei fanden seine Füße den Boden des Brunnens, und der Mann stand dabei nur noch bis zum Hosenbund im Nassen.

Erschrocken schwamm derweil der kleine blaue Fisch um die Schuhe herum, in der Angst, daß etwas von seinen Habseligkeiten zu Schaden kommen könnte. Als der Fuß des Mannes dem neuesten Schatz, der wundervollen Blüte bedrohlich nahe kam, schwamm der kleine Fisch schnell in die Nische, wo er eine Glasscherbe versteckt hatte, nahm das stumpfe Ende davon ins Maul und fuhr mit voller Kraft auf das freie Stück Haut zu, das dem Mann unterhalb des Hosenbeines hervorlugte.

"Autsch!" entfuhr es dem Mann in seinem Schmerz, und er griff mit einer Hand ins Wasser, um sich die gestochene Stelle am Bein zu halten. Der Fisch war von der Wucht des Aufpralls noch so benommen, daß er sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Und ehe er sich versah, wurde er von der Hand des Mannes aus dem Wasser gehoben, und zappelte wild herum. Er hatte Glück. Überrascht, wie der Mann war, konnte er den Fisch nicht richtig festhalten, so daß dieser ihm zwischen den Fingern hindurchglitt und wieder im für Fische wichtigen Naß landete.

Der wachsende Mann konnte sich jedoch nicht weiter um den Vorfall kümmern, zumal der kleine Stich ihn inzwischen auch nicht mehr schmerzte. Im Korb lagen noch immer einige Blätter, und schließlich sollte er ja alle davon aufessen. Da der Korb nicht mitwuchs, hatte dieser für den Mann nur noch die Ausmaße einer großen Suppentasse, so daß er diesen nun an den ebenfalls gewachsenen Mund setzte und die restlichen Blätter alle auf einmal zwischen seine weit geöffneten Lippen rutschen ließ.

Der Korb war leer, und der Mann konnte nur noch auf die Wirkung seiner wunderlichen Mahlzeit warten. Er schaute nach oben und merkte, wie er dem Gesicht des großen Mannes, das weiterhin über der Brunnenöffnung zu sehen war, näher kam. Dem ehemals kleinen Mann sauste es vom schnellen Wachsen in den Ohren. Die Steine der Brunnenmauer huschten an seinen Augen vorüber. Die Knöpfe seines Hemdes sprangen ihm ab, da die Kleidung nicht mehr zu seiner Größe paßte. Allmählich wurde das Sausen merklich leiser. Auch kam das Gesicht dort oben nicht mehr genauso schnell näher. Der Mann wuchs jetzt langsamer. Schließlich verstummte das Ohrensausen gänzlich, und um den Mann herum blieb die Brunnenwand in gleicher Höhe vor seinen Augen. Nach einer kurzen Pause wuchs der Mann nochmal ein kleines Stück, doch dann war der ganze Zauber endgültig vorüber.

"Es reicht nicht!" schrie der Mann verzweifelt aus dem Brunnen nach oben. "Es reicht nicht!" rief der Mann über der Brunnenöffnung den Dorfbewohner entsetzt zu. "Es reicht nicht!" klang es enttäuscht aus den Kehlen aller Umstehenden.

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