Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 10. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

"Vielen Dank gute Frau," raunte der Mann noch schnell, bevor er sich umdrehte, um sich auf den Weg zu machen. Wo der Berg war, das wußte er. Trotzdem rief die alte Frau das Kätzchen aus dem Haus. Ein Begleiter konnte nicht schaden. Die Umrisse des Berges waren jetzt von der Lichtung aus zu sehen, da die Sonne sich schon für den Tag hinter dem Berg bereithielt. Doch kaum trat der Mann zwischen die Bäume, so versperrten deren Wipfel die Sicht auf das Ziel.

Langsam hatte der Große schon Erfahrung beim raschen Vorwärtskommen zwischen den Bäumen. Das Licht der nun aufgehenden Sonne tat sein Übriges, um dem Mann Sicherheit beim Laufen zu gebe. Der Weg führte den Großen an der Wiese vorüber, auf der die blühenden Pflänzchen ihn sogleich mit ihrem eigentümlichen Klingen empfingen. Kurz wollte er hier verweilen, doch das Kätzchen mahnte ihn zur Eile. So warf er den Blüten nur ein kurzes, aber herzliches "Hallo" entgegen, bevor er wieder zwischen den hohen Bäumen verschwand.

Der Wald wurde jetzt dichter und dichter, so daß auch das Licht der Sonne kaum noch den Boden berührte, und den Großen mit jedem Schritt mehr Dunkelheit umfing. Auf eigentümliche Weise erreichte aber immer noch ein Strahl das blendend weiße Fell des Kätzchens, so daß der Mann nicht von seinem Weg abkommen konnte, wenn er seiner Begleiterin folgte. Trotzdem strengte ihn dieses Laufen sehr an, da es seine ganze Aufmerksamkeit verlangte. So war er froh, als der Wald sich wieder ein wenig lichtete. Dafür begann langsam der Anstieg des Berges. Je weiter die Bäume nun auseinander standen, desto steiler ging es bergauf.

"Ich brauche eine Pause," sagte der Mann zu sich.

Ihm stand der Schweiß schon im Gesicht. Und gleichgül-tig, wie eilig sein Vorhaben war, er mußte sich eine kurze Rast gönnen. Dazu ließ er sich auf einem Stein nieder. Die Gegend war hier schon felsiger, und nur noch wenige Bäume versperrten den Blick zur Bergspitze. Jetzt erst bemerkte der Mann den seichten Wind, der ihm durch die Haare wehte und ihm nun den Schweiß auf der Stirn trocknete. Der Luftzug erfrischte den Großen, so daß er schnell wieder bei Kräften war.

"So, jetzt kann es weitergehen."

Als er sich wieder erhob, um seinen Weg fortzusetzen, blickte er sich nach seiner weißen Begleiterin um. Schließlich entdeckte er sie dicht hinter dem Stein, auf dem er soeben gesessen hatte, wo sie Schutz vor dem Wind suchte. Der Mann erkannte, daß er nun seinen Aufstieg alleine fortsetzen mußte.

"Ich bin bald zurück!" rief er zu Kätzchen hinüber.

Kaum hatte er den letzten Baum des Waldes hinter sich gelassen, gelangte er an eine ziemlich steile Felswand. Nun konnte der Mann nicht mehr laufen, er mußte klettern. Mit allen Vieren erklomm er das Hindernis. Seine Hände suchten sich immer wieder Halt an hervorstehenden Steinen. Die gleichen Steine boten dann Augenblicke später seinen Füßen Stütze. Der Wind wuchs inzwischen zu einem regelrechten Sturm an. Fest mußten die Finger des Großen sich an die Steine klammern, um ihn nicht straucheln zu lassen. Wenn der Mann nach unten schaute, wurde ihm schwindelig, also vermied er es.

Fast hatte der Mann die Wolken erreicht, die ihm den Blick auf das letzte Stück seines Weges versperrten, da kam er an eine Stelle, an der er keinen vorspringenden Stein mit seinen Händen ertasten konnte. Auch kein Spalt im Felsen war breit genug, um seinen suchenden Fingern Halt zu bieten.

"Verdammte Felswand! Irgendwo muß es hier doch weitergehen!" fluchte der Große.

Als er sich ganz lang machte, fand er doch noch einen kleinen Stein über sich, den er greifen konnte. Doch, oh Schreck, kaum versuchte der Mann, sich an diesem empor zu ziehen, löste er sich aus der Wand. Einen Fuß hatte der Mann schon zum weiteren Aufstieg in die Luft gehalten, so daß er nun das Gleichgewicht verlor.

"Jetzt ist es aus!" durchfuhr es ihn, und im nächsten Augenblick stürzte er schon Hals über Kopf in die Tiefe. Bei seinem Fall bis zum Fuße der Felswand verlor der Mann die Besinnung.

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