Der kleine und der große Mann
Ein neues Märchen
- 11. von 12 Episoden -
von Manfred Franz (Texte)
und Beate Franz (Bilder)

Das Kätzchen hatte mit bangem Herzen die Kletterei des Mannes beobachtet. Ein ums andere Mal, als dieser von den Windstößen durchgeschüttelt wurde, hielt es sich eines seiner kleinen, weißen Pfoten vor die Augen. Als es dann den Mann vom Berg herunter purzeln sah, schlug es vor Entsetzen gleich beide Pfötchen vor den Augen zusammen. Als es sich getraute, wieder scheu den Blick schweifen zu lassen, konnte es den Mann nicht erblicken. Er war wie vom Erdboden verschwunden.

Die Zeit verrann, ohne daß der Mann wieder auftauchte. Das machte dem Kätzchen Sorge, denn die Sonne glitt am Himmel immer weiter ihrem höchsten Stand entgegen. Und wenn sie diesen zur Mittagszeit erreichte, würde alles zu spät sein. Dann würde die Blüte der wundersamen Pflanze auf der Bergspitze sich öffnen, und der für die Dorfbewohner so geheimnisvolle Glockenklang in diesem Jahr das Schicksal des Mannes im Brunnen besiegeln. Das Kätzchen mußte handeln.

Dem Sturm Trotz bietend, kämpfte sich das kleine Tier, immer dicht am Boden geduckt, Stück für Stück in Richtung Felswand vor. Dort hatte es einen Strauch entdeckt, unter dem es Schutz vor dem starken Wind suchen wollte. Nach einer letzten Kraftanstrengung erreichte das Kätzchen dieses Ziel. Die zugige Luft hatte ihm Sand in die Augen getrieben, daß es vor lauter Tränen kaum noch sehen konnte. Aber wenigstens saß es nun wieder ein wenig geschützt. Doch wo war der Mann geblieben? Es gab zwar noch einige Büsche, aber die waren alle noch kleiner als der, in unter dem das Kätzchen jetzt saß. Und der Mann hatte doch eine so stattliche Größe, daß er dort niemals Platz gefunden hätte.

Endlich konnte die treue Begleiterin ihre Umgebung wieder klarer sehen. Nun sah sie über sich einen dunklen Schatten im Gebüsch. Gleich darauf vernahm sie ein menschliches Stöhnen. Das Kätzchen kletterte in den Zweigen ein wenig höher und entdeckte tatsächlich den stöhnenden, besinnungslosen Mann, der das Glück gehabt hatte, bei seinem Sturz in diesem Strauch gelandet zu sein. Sonst hätte er den unfreiwilligen Fall wohl nicht lebend überstanden. Doch war der Mann viel kleiner, als zuvor. Wie die alte Frau angekündigt hatte, war aus dem großen Mann bei seinem Aufstieg in den Winden ein kleinerer geworden. Jetzt unterschied er sich in seinen Ausmaßen kaum von einem gewöhnlichen Mann.

Das Kätzchen schaute zwischen den Wolken zum Himmel hinauf. Die Sonne fuhr weiter auf ihrer Bahn. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Das Kätzlein mußte etwas unternehmen. Es kletterte bis zum Kopf des Mannes und leckte mit seiner samtenen kleinen Zunge erst die Wangen des Besinnungslosen, dann die Stirn, und als er sich immer noch nicht rührte, die Augenlider. Endlich, endlich zuckte es im Gesicht des Mannes und das Kätzchen zog sich zu dessen Ohr zurück, um ihn im nächsten Moment in ihrer Katzensprache an seine Aufgabe zu erinnern.

Der Mann war nach seinem Sturz in einen langen Traum versunken. Darin sah er sich und den kleinen Mann - jedoch in vertauschten Rollen. Er träumte, daß der Andere ihn einmal in eine Pfütze stieß, und ihn ein anderes Mal auf einen sehr hohen Baum setzte. Der Große, der hier nun ganz klein war, konnte nicht alleine hinunter klettern, und unten standen alle Einwohner des Dorfes, er erkannte jeden einzelnen, und sie lachten und lachten. Er konnte bitten und betteln, wie er wollte, sogar die kleinsten Kinder mußten nur noch lauter lachen. Schließlich begann der Mann zu weinen - das erste Mal in seinem Leben richtig weinen. Gerade wollte er sich die Tränen von den Augen wischen, da spürte er die sanfte Zunge des Kätzchen. Das war nun kein Traum mehr. Er hob langsam die Lider und richtete sich in den Zweigen, so gut es ging, auf. Nach kurzer Besinnung erinnerte er sich an das Vorgefallene.

Er erinnerte sich aber auch an den Traum, und betrachtete sich eingehend. Es gab keinen Zweifel, er war längst nicht mehr so groß wie ehedem. Doch war er auch noch längst nicht so geschrumpft, wie das Traumbild ihm vorgespiegelt hatte. Was sollte er nun tun? Um dem Mann im Brunnen zu helfen, mußte er noch einmal den Aufstieg wagen. Dann würde er aber weiter an Größe verlieren, dann würde er tatsächlich so klein werden, wie er es gerade gesehen hatte. Und was würde der andere tun? Würde er sich für das ganze Leid, das er in seiner Kleinheit erlebt hatte, rächen. Würde er nun seine Größe ausspielen?

Noch war Zeit zur Umkehr. Noch war der Mann, der hier im Gebüsch lag von stattlicher Größe, zwar kein Riese mehr, doch bestimmt nicht kleiner als jeder andere Mann im Dorf. Doch konnte er so glücklich werden? Hatte er den "Kleinen", der jetzt gewachsen war, nicht schon genug geärgert, ihm das Leben furchtbar schwer gemacht? Damit mußte jetzt nicht nur Schluß sein, nein, der Mann hier am Berg wollte seinen Weg weiter gehen, um sich bei dem anderen noch entschuldigen zu können. Fast war dem Mann, als würde ihm das kleine Kätzchen genau das gleiche ins Ohr flüstern wollen.

"Ja, ich werde es noch einmal versuchen!" versicherte er seiner Begleiterin.

Der Mann wagte sich aus dem windgeschützen Busch hervor und steuerte sofort wieder auf die Felswand zu. Dabei geriet er allerdings ins Stolpern. Seine Hosenbeine waren ihm inzwischen viel zu lang, so daß er sie hochkrempeln mußte. Gleiches tat er mit den Ärmeln seines Hemdes, da sie ihn beim Klettern nicht behindern sollten, und schließlich schnallte er noch seinen Gürtel enger, damit er die Hose nicht verlieren konnte.

Es fiel ihm jetzt viel schwerer, der Kraft des Windes zu begegnen, aber sein Wille war jetzt viel stärker. Mochte der Wind auch noch so mächtig blasen, dieser könnte den Mann nun nicht mehr aufhalten. Abwechselnd suchten sich wieder Hände und Füße Halt in der steilen Wand aus Felsgestein. Der Anstieg dauerte nun aber etwas länger, da die Arme und Beine des Mannes nicht mehr so lang waren. Doch er schaffte es trotzdem in ansehnlicher Zeit. Er mußte sich ja nun auch sputen, da die Sonne bald zur Mittagsstunde an ihrem höchsten Punkt am Himmel angelangt war.

Wieder kam der Mann an die Stelle, die ihm beim vorigen Aufstieg so große Sorge gemacht hatte. Wenn er hier nicht schnell weiter käme, könnte es doch zu spät werden. Die Hände des Mannes suchten fieberhaft nach einem festen Halt. Diesmal mußte der Bergsteiger aber nicht lange tasten. Seine Finger waren schon so klein geworden, daß sie in den Spalt im Felsen paßten, der vorhin noch viel zu schmal gewesen war. Zügig überwand er diese Stelle. Er kletterte durch die Wolken, und Augenblicke später schwang sich der Mann auf den obersten Felsen der Wand.

Vor dem Mann lag nun nur noch ein kleines Wegstück, das leicht zu einem Hügel anstieg. Dort oben konnte der Bergsteiger tatsächlich die versprochene Pflanze erblicken. Und sie blühte noch nicht. Ein leises Summen lag aber schon in der Luft, und die Blätter des Gewächses zitterten schon, so als wenn ein großes Ereignis bevorstand. Der Mann begann zu rennen. Der Sturm versuchte ihn zurück zu werfen. So kämpfte sich der Mutige Stück für Stück den Hügel empor. Die Blätter zitterten immer stärken, und das Summen wurde lauter und lauter. Der Blick zum Himmel zeigte, daß das Ereignis unmittelbar bevorstand. Die Knospe der Pflanze schien anzuschwellen. Gleich mußte sie sich zur Blüte öffnen.

"Ich muß es schaffen!" schrie der Mann.

Mit einem großen Satz sprang er mit den Händen voran auf den kleinen Fleck, auf dem die Pflanze stand, und brach sie genau in dem Augenblick, als die Sonne ihr Mittagsziel erreichte. Er hatte es geschafft. Völlig erschöpft blieb er mit dem Stengel in der Hand liegen. Hier konnte er sich ein wenig ausruhen, denn es war windstill. Um ihn herum tobte der Sturm, doch hier, wo die Geheimnisblume mit dem lauten Glockenschlag jedes Jahr aufs Neue wuchs, regte sich kein Lüftchen.

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